20. Juli 2010

Kreistag liegt kein Konzept zur „Bürgerarbeit“ vor

Martina Ruhardt
Martina Ruhardt

Die Fraktion DIE LINKE im Kreistag Recklinghausen kritisiert, dass weder der Sozial- und Gesundheitsausschuss noch Kreisausschuss und schon gar nicht der Kreistag über das Gesamtkonzept der Vestischen Arbeit zur Durchführung der so genannten „Bürgerarbeit“ unterrichtet wurde.

Der Fraktionsvorsitzende der LINKEN im Kreistag, Ingo Boxhammer, erklärte dazu: „Es ist unhaltbar, dass ein Konzept, das unter Mitwirkung der Kreisverwaltung erstellt wurde, den politischen Gremien vorenthalten wird.“  Diese Vorgehensweise wurde auch durch Nachfrage der Fraktion nicht geheilt. Das Konzept ist weiter ein „großes Geheimnis“. „Wir fordern Landrat Cay Süberkrüb auf, umgehend für Abhilfe zu sorgen,“ so Fraktionsgeschäftsführerin Martina Ruhardt.

Boxhammer stellt abschließend fest: „Während sich braune Sozialdarwinisten und andere Parteien unterstützend äußern, melden wir schon jetzt große Vorbehalte gegen das Modellprojekt des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales an.“

 

18. Mai 2009

Armutsatlas ist Armutszeugnis für Bundesregierung

Andrej Hunko
Andrej Hunko

Zum heute vorgestellten Armutsatlas des DPWV erklärt Andrej Hunko, Landesvorstandsmitglied und Bundestagskandidat der LINKEN. NRW:

Der Armutsatlas konstatiert eine Dreiteilung Deutschlands. Am meisten betroffen ist die Region Vorpommern mit einer Armutsquote von 27%. In NRW ist jeder siebte Bürger arm, das sind ca 2,5 Millionen Menschen. Hier ist besonders das Ruhrgebiet (18% Region Dortmund) und die Region Aachen mit 16,2% betroffen. Das Zahlenmaterial stammt von 2007, die Auswirkungen der aktuellen Krise sind hier noch gar nicht erfasst.

Knapp 20 Jahre nach der "Wiedervereinigung" ist Deutschland gespaltener denn je - in arm und reich. Dies ist das Ergebnis einer systematischen Umverteilungspolitik von unten nach oben, die mit der großen Steuerreform 2000 und der Agenda 2010 unter rot-grün eingeleitet und von der großen Koalition fortgesetzt wurde. Der Armutsatlas ist das Armutszeugnis der Bundesregierung.

Ein massives soziales Konjunkturprogramm, ein "social new deal", das an den elementaren Bedürfnissen der Menschen ansetzt und die sofortige Erhöhung der ALG-II-Sätze auf 500 Euro und einen Mindestlohn von 10 Euro beinhaltet, ist jetzt das Gebot der Stunde. Wir brauchen einen Schutzschirm für Menschen, nicht für Banken. Dafür wird sich DIE LINKE auf allen Ebenen stark machen.

10. März 2009

Kinderschutzbund: Massiv steigende Kinderarmut befürchtet

Heinz Hilgers
Heinz Hilgers

Der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers, rechnet wegen der Wirtschaftskrise mit einem "massiven Anstieg der Kinderarmut". Dies gelte umso mehr, da nach der demographischen Entwicklung in Deutschland die Kinder in den armen Stadtteilen geboren würden.

Dies berichtete Heinz Hilgers der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Dagegen gingen die Geburtenzahlen in bürgerlichen, gut situierten Stadtteilen dramatisch zurück. Derzeit sei es ein Drittel der Kinder, "über die wir uns große Sorgen machen müssen - also rund 5 von 15 Millionen", sagte Hilgers.

Nach seiner Befürchtung wird es in 20 Jahren nur noch zehn Millionen Kinder geben, von denen die Hälfte in einkommensschwachen Familien aufwachse. "Das ist eine Katastrophe, auf die eigentlich alle Ökonomen aufgebracht reagieren müssten", so Hilgers.

Der Kinderschutzbundpräsident befürchtet auch, dass wegen der Wirtschaftskrise dem Staat "die finanzielle Kraft zu einer grundlegenden Reform des Familienleistungsausgleiches" fehle. Dabei habe Deutschland dringend eine völlige Umstrukturierung der finanziellen Förderung von Kindern nötig, meint Hilgers.

Er bekräftigte die Forderung nach einer Kindergrundsicherung. Dafür müsse der Staat 330 Euro pro Monat für jedes Kind zahlen, wenn alle Bildungsinstitutionen kostenlos seien. Wenn man Gebühren etwa für Uni und Kita nehme, sollte der Betrag bei 500 Euro pro Kind liegen.

 

DIE LINKE: Kindergrundsicherung und Chancengleichheit in der Bildung

Diese vom Kinderschutzbund geäußerten Befürchtungen muss die Regierung ernst nehmen und handeln. Es ist höchste Zeit, sich nicht nur um die Zukunft der Banken zu sorgen, sondern um die Kinder in dieser Gesellschaft.

Kinder brauchen eine eigenständige finanzielle Absicherung und uneingeschränkten Zugang zu allen Bildungseinrichtungen. Deshalb fordert DIE LINKE seit Jahren eine Kindergrundsicherung. Die Anstrengungen zur Umsetzung des Kinderfördergesetzes des Bundes sind völlig unzureichend. Außerdem bedarf es einer entschieden größeren Zahl von Ganztagsangeboten, damit jedes Kind umfassend gefördert werden kann. Wenn sich der Bund nach den notwendigen Mitteln zur Schulsanierung nicht endlich auch an der Finanzierung der Betreuungsangebote selbst und an der notwendigen qualifizierten Personalausstattung beteiligt, bleiben vollmundige Versprechungen leere Worte. Die Politik darf nicht weiter auf Zeit spielen, sondern muss entschieden mehr für gleiche Teilhabechancen für Kinder tun. Jedem Kind ein vollwertiges Mittagessen, unentgeltliche Lernmittel und Schülerbeförderung ohne Eigenbeteiligung bis zum Abitur sind Forderungen der Stunde. Notwendig sind weiterhin deutlich mehr Studienplätze und Stellen für angehende Lehrerinnen und Lehrer, die Ausbildung tausender Erzieherinnen und Erzieher. Hier müssen sich Bund und Länder stärker engagieren.

Mit der ständigen Subventionierung und steuerlichen Entlastung der Reichen und Superreichen, mit der Übernahme ihrer Zockerschulden ist diese Aufgabe nicht zu leisten. Dieses Geld fehlt in den Haushalten vom Bund bis zu den Kommunen. Es kann nicht sein, dass ausgerechnet die Kinder die Spekulationsfehler der Banken am Ende zahlen müssen. „Schuldenbremsen“ werden diese schwere Hypothek auf die Zukunft nicht auffangen können.

 

27. Januar 2009

Sozialgerichte: Hartz-IV-Regelsätze verfassungswidrig

Jürgen Klute

Zwei Urteile von Sozialgerichten erklärten dieser Tage, dass die Hartz-IV-Regelsätze gegen das Gebot der Menschenwürde und des Sozialstaats im Grundgesetz verstoßen. Carolin Butterwegge, sozialpolitische Sprecherin der LINKEN. NRW und Jürgen Klute, Mitglied des Parteivorstands begrüßen diese Rechtsprechung. DIE LINKE kritisiert seit langem, dass Hartz IV Armut per Gesetz bedeutet und fordert, das Gesetz abzuschaffen und durch eine bedarfsdeckende repressionsfreie soziale Mindestsicherung zu ersetzen. 

Das erste Urteil, ein Beschluss des Landessozialgerichts Hessen (AZ L 6 AS 336/07) für ein mündlich schon im Oktober ergangenes Urteil, wurde am Wochenende zur weiteren Prüfung an das Bundesverfassungsgericht weitergeleitet. Demnach verletzen die Hartz-IV-Regelsätze die Verfassung, u.a. da sie die Menschenwürde nicht ausreichend schützen. Der schriftlichen Urteilsbegründung zufolge verstoßen nicht nur die Hartz-IV-Regelsätze für Kinder, sondern auch jene für Erwachsene gegen das Grundgesetz, das in Art. 1 die Menschenwürde schützt und in Art. 20 Abs. 1 und 3 das Sozialstaatsprinzip einfordert.

Ein zweiter Beschluss folgte heute: Das Bundessozialgericht erklärte ebenfalls die Bestimmung des SGB II, wonach Kinder bis zur Vollendung des 14. Lebensjahres 60 Prozent des Regelsatzes für alleinstehende Erwachsene maßgebenden Regelleistung festsetzt (§ 28 Abs. 1 Satz 3 Nr. 1 SGB II) für verfassungswidrig. In der Medieninformation begründet das Bundessozialgericht diese Entscheidung damit, dass "die Regelleistung für Kinder bis zur Vollendung des 14. Lebensjahres um 40 von Hundert gegenüber der maßgebenden Regelleistung für Erwachsene herabgesetzt worden ist, ohne dass der für Kinder notwendige Bedarf ermittelt und definiert wurde". Auch solle das Sozialgeld für Kinder von Empfängern der Grundsicherung für Arbeitsuchende nach dem SGB II abschließend und bedarfsdeckend sein, während Kinder von Sozialhilfeempfängern nach § 28 Abs 1 Satz 2 SGB XII abweichende Bedarfe geltend machen können.

Schließlich bemängelte das Gericht, dass die Höhe der Regelleistung für alle Kinder und Jugendlichen bis zur Vollendung des 14. Lebensjahres einheitlich mit 60 Prozent festgesetzt wurde, ohne dabei weitere Altersstufen vorzusehen.

"Der Eckregelsatz für eine/n Alleinstehenden in Höhe von 351 Euro reicht hinten und vorne nicht aus, um vor einem Leben in Armut zu schützen. Zudem bedeutet Hartz IV Repression, Zwangsumzüge und 1-€-Jobs, die den Arbeitsmarkt unter Druck setzen. Deshalb lehnen wir die Hartz-Gesetze ab und streiten für eine bedarfsdeckende soziale Mindestsicherung, die diesen Namen auch verdient", erklärt Carolin Butterwegge dazu,"die Bundesregierung ist jetzt aufgefordert, umgehend Konsequenzen zu ziehen und im Konjunkturpaket II einen höheren Regelsatz für alle umzusetzen - der würde tatsächlich die Binnennachfrage und die Konjunktur beleben."

Jürgen Klute, Sozialpfarrer und Mitglied im Bundesvorstand der LINKEN, ergänzt: "Auch die Regelsätze für Kinder sind zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel. Sie reichen nicht aus, etwa um eine gesunde Ernährung zu sichern oder eine Bildungsteilhabe auf Augenhöhe zu gewährleisten. Daran ändern auch kleine Schönheitsverbesserungen, wie zuletzt die marginale Aufstockung der Regelsätze für 7- bis 13-Jährige um 35 € pro Monat im Rahmen des Konjunkturpakets II nichts".

 

15. Dezember 2008

Kluft zwischen Arm und Reich wächst rasant

Quelle: Statistisches Bundesamt www.destatis.de

Die soziale Ungleichheit in Deutschland wächst im Rekordtempo. Dies belegen zwei in der letzten Woche veröffentlichte Studien.

Der aktuelle Verteilungsbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftseigenen Hans-Böckler-Stiftung meldet einen neuen Höchststand der Gewinnquote am privat verfügbaren Volkseinkommen. Die Einkommen aus Gewinnen und Vermögen, die an den relativ kleinen Personenkreis der Kapitalbesitzer und Unternehmenschefs gehen, sind brutto wie netto in 2008 noch einmal gestiegen. 2007 machten sie netto 34 Prozent des Volkseinkommens aus, im ersten Halbjahr 2008 waren es schon 35,8 Prozent.

Vor fast 50 Jahren, 1960, hatte die Quote noch bei 24,4 Prozent gelegen. In den dreißig Jahren bis 1990 wuchs der Anteil dann auf knapp 30 Prozent und stieg 2005 auf 32 Prozent. "Besonders stark wuchsen dabei zuletzt die Unternehmensgewinne", heißt es in einer Pressemeldung der Hans-Böckler-Stiftung.

Was die Spitzenverdiener gewinnen, verliert die große Mehrheit der Lohnempfänger. Die Lohnquote - der Anteil der Löhne und Gehälter am Volkseinkommen - ging brutto weiter zurück. Die Netto-Lohnquote, die den Anteil der Löhne und Gehälter am Gesamteinkommen nach Abzug der Sozialabgaben und der Lohnsteuer angibt und ungefähr aussagt, wie viel den Arbeitern übrig bleibt, stieg 2007 im Vergleich zu 2006 zwar leicht an, aber nur, um im ersten Halbjahr 2008 mit 39,3 Prozent wieder unter das Niveau von 2006 zu sinken.

Vor 1990 erreichte sie jahrzehntelang noch über 50 Prozent (1960: knapp 56 Prozent).

Zum neuerlichen Rückgang der Arbeitseinkommen und dem Anstieg der Einkommen aus Unternehmensgewinnen und Vermögen habe vor allem die Steuer- und Abgabenpolitik der Bundesregierung unter Kanzlerin Angela Merkel (CDU) beigetragen, erklären die WSI-Forscher. Wobei die Sprecher der gewerkschaftseigenen Stiftung geflissentlich darüber hinweg sehen, dass sowohl das Arbeits- und Sozialministerium, wie auch das Finanzministerium seit zehn Jahren von Sozialdemokraten geführt wird. Deren Entscheidungen trugen maßgeblich zum Ansteigen der Ungleichheit bei.

Die Senkung der Steuern auf Gewinn- und Vermögenseinkommen haben dazu geführt, dass die Unternehmen und Reichen lediglich zu einem guten Fünftel des gesamten Steuervolumens beitragen. Anfang der 60er-Jahre lag der Anteil noch bei einem guten Drittel. Die Bundesregierung von SPD und Grünen unter Gerhard Schröder (SPD) hatte 1998 eine vorher nie gesehene soziale Umverteilung eingeleitet. Der Sozialstaat wurde vor allem durch die Hartz-Gesetze geschliffen, während die Steuern der Unternehmen und Reichen gesenkt wurden. Die SPD führt diese Politik in der Großen Koalition mit Merkel unbeirrt fort.

Der Anteil der Steuern aus Unternehmens- und Kapitalgewinnen werde aufgrund der letzten Reformen bei Unternehmen-, Erbschaft- und Abgeltungsteuer für eine weitere Entlastung der Unternehmen und Wohlhabenden sorgen, erklärt WSI-Forscher Claus Schäfer.

Die sich spreizende Schere zwischen Gewinnen und Vermögen auf der einen Seite sowie Arbeitseinkommen auf der anderen belegt das Anwachsen der sozialen Ungleichheit.

Auch innerhalb der Lohneinkommen ist eine wachsende Ungleichheit zu beobachten. Die Schere zwischen den Löhnen der am besten verdienenden Arbeitnehmer und den Beschäftigten am unteren Ende der Lohnskala ist zwischen 2001 und 2007 deutlich auseinandergegangen, meldete die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) in ihrem ebenfalls letzte Woche vorgelegten Globalen Lohnreport 2008/2009.

Im Vergleich der Industriestaaten sei nur in Polen das Lohngefälle noch deutlicher angestiegen.

Ohnehin seien die Löhne in den vergangenen Jahren in Deutschland insgesamt sehr gering gestiegen. So gab es zwischen 2001 und 2007 im Schnitt ein Lohnplus von 0,51 Prozent - ähnlich wie in Frankreich.

Der ILO-Report vergleicht die Löhne abgestuft in zehn Stufen. Danach betragen die Löhne der am besten verdienenden zehn Prozent rund 3,26mal soviel wie diejenigen der zehn Prozent am unteren Ende der Lohnskala. Würde man das obere eine Prozent der Lohn- und Gehaltsempfänger mit den Niedrigverdienern vergleichen, wäre die Quote mit Sicherheit eine andere.

Denn während die Manager und Hochverdiener Millionen scheffeln, ist der Niedriglohnsektor angestiegen. Hauptursache für die steigende Lohnkluft sei "die deutliche Zunahme des Niedriglohnsektors in Deutschland in den vergangenen Jahren", sagt Claus Schäfer vom WSI. Minijobs, Teilzeitstellen und die Zunahme der Leiharbeit seien für die rasch anwachsende Lohnkluft in Deutschland verantwortlich.

Der Tarifexperte des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) Reinhard Dombre nennt die Zahl von mittlerweile 30 Prozent aller Beschäftigungsverhältnisse, die im "prekären Bereich" angesiedelt sind - etwa als 400-Euro-Jobs oder Praktika. Weit mehr als 1,5 Millionen Menschen arbeiten in Jobs für weniger als das in Deutschland festgesetzte Existenzminimum und sind gezwungen ihren Niedriglohn durch Hartz-IV aufzustocken.

Die Zahl dieser "Aufstocker" sei in den vergangenen Jahren trotz Wirtschaftswachstum stark gestiegen, berichtet die S üddeutsche Zeitung. Seit Beginn der Großen Koalition im September 2005 bis Ende 2007 habe sich die Zahl der "Aufstocker" mit einem Bruttolohn von 400 bis 800 Euro um mehr als 50 Prozent und die mit über 800 Euro Einkommen um fast 40 Prozent erhöht. Damit werde Lohndumping staatlich gefördert, heißt es in dem Bericht.

Angesichts der Finanz- und Wirtschaftskrise prognostiziert die ILO-Studie vor allem in den Industriestaaten im nächsten Jahr weitere "schmerzhafte Einschnitte" bei den Reallöhnen und warnt vor zunehmenden sozialen Spannungen.

Von Dietmar Henning
5. Dezember 2008

http://www.wsws.org/de/2008/dez2008/ungl-d05.shtml